Die AfD hat eine neue Alternative für Deutschland vorgestellt, nämlich die Abschaffung der Schulpflicht. Ja, Sie haben richtig gelesen, die Abschaffung der Schulpflicht.
Sie will den „Schulzwang“ abschaffen und Eltern sollen selbst entscheiden, ob sie Ihre Kinder in die Schule schicken oder sie lieber zu Hause selbst unterrichten. Das dreigliedrige Schulsystem soll natürlich erhalten bleiben. Lediglich für Kinder von Flüchtlingen und Asylanten soll wohl eine Pflicht gelten, separiert in eigenen Klassen. Damit sollen deutsche Kinder von den vielfältigen Belastungen durch den gemeinsamen Unterricht mit Kindern aus „völlig fremden Kulturen“ entlastet werden.
Wenn das Gesetz wird – und in Sachsen-Anhalt ist das nach der Landtagswahl am 6. September nicht völlig ausgeschlossen – was passiert denn dann?
Die Eltern können frei entscheiden, ob sie die Kinder in die Schule schicken oder ob sie sie selbst zu Hause unterrichten. Wenn Ihnen die Inhalte des Lehrplans nicht passen, z.B. aus religiösen oder politischen Gründen, können Sie also ihren eigenen Lehrplan schnitzen: Die Schöpfungsgeschichte statt der Evolution, die Heldentaten der Wehrmacht statt des Vernichtungskrieges, den Autobahnbau statt des Holocausts.
Wie viele Eltern haben denn die Fähigkeiten dazu selbst zu unterrichten? Lehrer sein, das kann doch jeder – wirklich? Grundlagenbildung wie Lesen, Schreiben, Rechnen schnell mal so nach Feierabend? Mathe, Physik, Chemie auf gymnasialem Niveau – kein Problem, wir haben ja das Internet und die künstliche Intelligenz.
Wie viele Eltern können einen solchen Zeitaufwand betreiben? Die Normalfamilie, bei der Mutter und Vater arbeiten sicher nicht. (Aber im AfD-Staat sollen ja Frauen nicht mehr arbeiten!) Die Zahl derjenigen, die aufgrund mangelnder Bildungsvoraussetzungen den Anschluss an die Arbeitswelt verlieren, wird wachsen. Damit wachsen auch die Sozialfälle. Danach werden sie von der AfD sicher als Versager und Faulenzer beschimpft.
Zudem ist die Schule nicht nur eine Institution der Wissens- und Fertigkeitenvermittlung, sondern auch ein Ort der Sozialisation. Die Klasse, der Pausenhof und der Schulweg sind Ereignisse der Begegnung, der Auseinandersetzung, der Konfliktaustragungen und Freundschaftsstiftungen. Für die AfD ist das aber der Kern des Problems: In Zukunft sollen die Kinder nur noch diejenigen treffen, die ihre Eltern für sie ausgesucht haben. So etwas kannte man bislang nur aus Sekten.
Die AfD geht offensichtlich davon aus, dass Probleme an den Schulen vor allem durch Kinder mit Migrationshintergrund entstehen, weshalb man „deutsche“ und „migrantische“ Kinder streng separieren muss. Damit lassen sich die wirklichen Probleme unseres Bildungssystems wunderbar verdrängen: In kaum einem anderen der entwickelten Länder ist zum Beispiel der Zusammenhang von Armut und niedrigem Bildungslevel der Eltern und dem schulischen Versagen der Kinder so groß wie in Deutschland. So wird Armut vererbt.
Da braucht es keine „Rassentrennung“, sondern vor allem eine bessere personelle Ausstattung, kleinere Klassen, Ganztagsschulen mit rhythmisiertem Unterricht (siehe PS unten) und sozialpädagogischer Betreuung. Man muss es natürlich auch wollen. Die Abschiebung der migrantischen Kinder in eigene Klassen fördert zudem die Bildung einer Parallelwelt, festigt Integrationsprobleme und würde für Probleme in der Zukunft sorgen. Die Bildung des „Milieus der Ausgeschlossenen“ wird sich später in Parallelwelten und im Anwachsen von kriminellen Milieus niederschlagen. Wie in vielen anderen Fällen fördert die AfD damit Probleme, die sie zu lösen vorgibt.
PS: Rhythmisierter Ganztagsunterricht geht von 8 bis 16 Uhr. Anstregende Fächer sollen mit weniger anstrengenden Fächern im Wechsel sein. Ausreichend Pausen und eine Mittagspause mit Mittagessen. Hausaufgaben sollen entfallen.